Immer mehr digitale Programme wenden sich an Kleinkinder, ja manchmal sogar bereits an Babys. Auf dem Markt sind interaktive Spiele der Renner, bei denen Körperteile oder Tierstimmen erkannt werden sollen. Auch Malprogramme oder Memory sind begehrt. Für Eltern von Neugeborenen gibt es sogar eine App, die die Geräusche aus dem Mutterleib imitiert, um das Baby zu besänftigen. Sicherlich ein Extrembeispiel der immer früher einsetzenden Digitalisierung, aber keine Fiktion.

Illustration zur Serie #allesdigital, ein Baby sitzt im Kinderbettchen und guckt auf das Mobilee im Tablet, Foto: Romina Birzer

In den Regalen des Handels oder bei Onlinehändlern sind interaktive Bilderbücher ein Kassenschlager. Auch die bekannten Wimmelbilder gibt es mittlerweile digital und zum Mitmachen. Kitas und Kindergärten gehen online. Im Vorschulunterricht kommen interaktive Lern-Tablets zum Einsatz. Die digitale Revolution hält Einzug ins Kinderzimmer. Nicht nur Erwachsene, die in der analogen Zeit aufgewachsenen und sozialisiert sind, sondern auch manchem Vertreter der „Digital Natives“ stellt sich deshalb die Frage „Wie früh können oder sollen Kinder und Jugendliche online gehen?“

Nach einer aktuellen Studie im Auftrag von Bundesbildungsministerin Manuela Schwesig „Kinder in der digitalen Welt“ sind bereits 80 Prozent der Achtjährigen online, ein Drittel der Sechsjährigen und zehn Prozent der Dreijährigen. Die digitale Realität hat die Theorie längst überholt. Die Frage heißt somit nicht länger: Wann gehen die Kleinen online? Inzwischen lautet sie vielmehr: Wie begleiten, fördern und fordern Erwachsene die Kids bei ihrer Entdeckungsreise in die Welt der digitalen Möglichkeiten?

Das sieht auch Doris Aschenbrenner, Diplominformatikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Telematik der Uni Würzburg, so. Die netzpolitische Sprecherin der Bayern-SPD findet es völlig normal, dass in einer Gesellschaft, die sich mitten im digitalen Wandel befindet, Kinder immer früher mit Tablet, Smartphone & Co. in Berührung kommen. „Ich halte nichts von Panikmache in diesem Kontext“, so Aschenbrenner, die außerdem auf Bundesebene eine Arbeitsgruppe für den Bereich Digitale Bildungs- und Familienpolitik leitet. „Auch sämtliche Spekulationen, die eine eindeutige negative Wirkung postulieren, müssen wohl in den Bereich der Pseudowissenschaft verbannt werden. “ Der Prozess sei noch zu jung, um zu eindeutigen Ergebnissen kommen zu können, so Aschenbrenner. „Es ist eine Veränderung, die Chancen und Risiken birgt. Es liegt an uns, wie wir es als Gesellschaft gleichzeitig schaffen, die Chancen zu nutzen und den Risiken vorzubeugen.“

Gibt es nun ein ideales Einstiegsalter für Kinder in die digitale Welt? Die Studie stellt einen starken Zusammenhang zwischen dem Bildungshintergrund der Eltern und der Nutzung der Kinder her. „Kinder sind digital souveräner, je mehr es ihre Eltern sind“, sagt Aschenbrenner. Ähnlich wie bei der Frage nach Fernsehkonsum sei es durchaus sinnvoll, den Zugang pädagogisch zu regeln und die Kinder in der Medienlandschaft nicht alleine zu lassen. Persönlich hält es die Medienforscherin für sinnvoll, Kinder Schritt für Schritt gemäß ihrer individuellen Entwicklung auch an die digitale Welt zu gewöhnen – ähnlich wie man es beispielsweise auch im Straßenverkehr oder anderen Bereichen des Lebens ganz selbstverständlich mache. „Die Frage nach dem Einstiegsalter für ihre Kinder müssten Eltern daher selbst beantworten“, sagt Aschenbrenner. Sie dürften sich aber nichts vormachen: „Eine Haltung, das Kind solange wie möglich davon fernzuhalten, funktioniert mit Internet und Computern genauso wenig, wie es mit Autos oder Straßen funktionieren würde. Die digitale Welt gehört zu unserer Welt dazu.“

Welche Rolle spielen die deutschen Bildungseinrichtungen? Wie können Schulen digitale Medien sinnvoll einsetzen und können ältere Lehrer überhaupt eine zeitgemäße Medienkompetenz vermitteln? „Ich fürchte, dass unser Bildungssystem aktuell nicht gewappnet ist“, antwortet Aschenbrenner. Dies zeige sich an der Vielzahl an Anfragen, die der Bezirksjugendring oder andere medienpädagogische Projekte aus verschiedenen Schulen erhalten. Aschenbrenner selbst führt mit anderen Aktiven des Projekts „Chaos macht Schule“ auch immer wieder Unterrichtsstunden oder Lehrerfortbildungen durch. „Dabei geben sich die Schulen aber auch Lehrer sehr viel Mühe. Diejenigen, die uns oder andere Einrichtungen anfragen, sind ja genau die, die erkannt haben, wie wichtig die digitale Welt für ihre Schüler ist.“ Das Alter der Lehrer spiele da eher eine nachrangige Rolle.

Gesamtgesellschaftliche Untersuchungen wie beispielsweise der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Digital-Index zeigten, dass es eine Altersabhängigkeit der digitalen Souveränität gebe, der Bildungshintergrund aber noch entscheidender sei. Nach Aschenbrenners Auffassung ist es ein Alarmsignal, dass außerschulische Organisationen einspringen müssten, weil die politischen Weichenstellungen zu langsam erfolgten. „Es kommt stark auf die Schule und den Sachaufwandsträger an, ob die infrastrukturellen Rahmenbedingungen für den digitalen Wandel an den Schulen gegeben sind. Ähnlich wie beim Breitbandausbau ist es an der einen Stelle recht gut, an vielen anderen aber noch katastrophal.“

Der digitale Wandel und die Vorbereitung der Gesellschaft auf diesen Wandel in Form von Bildung koste Geld. Dabei dürften sich Bildungskonzepte nicht nur auf die Schule beschränken, sondern sollten auch den Bereich der Erwachsenenbildung mit einbeziehen, so Aschenbrenner. „Wenn dieses Geld nicht ausgegeben wird, können wir Generationen von jungen Menschen nicht optimal fördern und vorbereiten und damit besteht die Gefahr, im internationalen Vergleich abgehängt zu werden.“

Autor: Lukas Maderner

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